Single- und Paarberatung, Sexualtherapie, Coaching

Views & News

Betrachtungen und Informationen zu Psychologie und Therapie, Literatur, Kunst, Büchern und Veranstaltungen

Die BINDUNGSTHEORIE (I)

Seit Mitte des 20.Jahrhunderts erforschte der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker John Bowlby die Auswirkungen einer Trennung von Mutter und Kind. Zusammen mit seinen Mitarbeitern James Robertson und Mary Ainsworth führte er Versuche durch, aus denen die immense Bedeutung einer liebevollen, sicheren und kontinuierlichen Betreuung des Kindes durch die engsten Bezugspersonen deutlich wurde. Mit seinen Schriften wurde Bowlby zum Begründer der Bindungstheorie, die sich mit dem Aufbau und der Veränderung von frühen engen Beziehung beschäftigt. In seiner verhaltensbiologisch orientierten Theorie verband Bowlby entwicklungspsycho-logisches, psychoanalytisches und systemisches Denken. Die Bindungstheorie stellt ein umfassendes Konzept der Persönlichkeitsentwicklung als Folge sozialer Erfahrungen dar.

Die Bindungstheorie hat heute großen Einfluss auf die pädagogische Arbeit mit Kindern und Heranwachsenden, ihre Erkenntnisse sind ein wichtiger Bestandteil der Einzel- und Paartherapie bei Bindungskonflikten, worauf hier der Schwerpunkt liegen soll. 

Bindung

Die Bindungstheorie geht davon aus, daß Menschen ein angeborenes Bedürfnis nach engen emotionalen Beziehungen zu anderen Menschen haben.

Bindung wird als ein starkes emotionales Band zwischen zwei Menschen verstanden, das über Raum und Zeit hinweg besteht. Es entwickelt sich während der Kindheit, sein Einfluss ist aber nicht auf diese Entwicklungsphase beschränkt, sondern erstreckt sich auf alle weiteren Lebensabschnitte. 

Das Bindungssystem

Bowlby betrachtete Mutter und Säugling als Teilnehmer an einem selbstregulierenden System, der „Beziehung“, dessen Teile einander wechselseitig bedingen. Die „Bindung“ zwischen Mutter und ist ein Teil dieses komplexen Systems der Beziehung.

Für Bowlby ist das Bindungssystem ein primäres, genetisch verankertes motivationales System von überlebenswichtiger Bedeutung, das zwischen dem Säugling und der primären Bezugsperson entsteht nachdem nach der Geburt aktiviert wird. Es ist biologisch „vorformatiert“, d.h. einige Gesetzmäßigkeiten (wie z.B. die Stimmigkeit bestimmter Abläufe der Interaktion zwischen Bezugsperson und Säugling) entstehen nicht individuell aus der Interaktion, sondern sind genetisch festgelegt und für die ganze menschliche Spezies gleich.

Innere Arbeitsmodelle

Innerhalb des ersten Lebensjahres bilden Säuglinge innere Modelle des Verhaltens der Mutter und der damit verbunden Affekte aus. Die Art und Weisen, in der Kinder ihr inneres Bild der Beziehung zur Mutter (und anderen nahen Menschen) gestalten und dem entsprechend sie sich verhalten, bezeichnet Bowlby als „innere Arbeitsmodelle“. Dabei werden für die verschiedenen Bezugspersonen jeweils eigene, unterschiedliche Arbeitsmodelle gebildet.

Anfangs noch flexibel werden solche Arbeitsmodelle zunehmend fester und zu psychischen „Bindungsrepräsentationen“. Sowohl Arbeitsmodelle als auch Repräsentationen können teilweise bewußt, teilweise unbewußt sein.

Individuelle Bindungsstile werden durch die Anpassung des Kindes an das Verhalten der Bezugsperson ausgeprägt, besonders in den ersten sechs Lebensmonaten. Die Bindungsstile sind aber nicht völlig starr, sondern in Maßen formbar, sie haben eine gewisse Plastizität. Beziehungsrepräsentationen können durch neue Erfahrungen mit anderen Personen und auch durch gravierende Erlebnisse während des gesamten Lebens beeinflusst und verändert werden, mit zunehmendem Alter jedoch weniger – bei Erwachsenen sind die Verhaltensweisen jedoch relativ konstant.

Einige Bindungsqualitäten eines Menschen bleiben von der Kindheit bis zur Adoleszenz stabil, andere ändern sich.

Die Qualität der Mutter-Kind-Bindung hat eine Tendenz zur Generalisierung:

Die frühe Beziehung zur Mutter und weiteren engen Bezugspersonen hat prägenden Charakter. Es gilt heute als anerkannt, daß die „primären“ Arbeitsmodelle und Beziehungsrepräsentationen mit Beginn im Säuglingsalter auch das spätere Bindungsverhalten beeinflussen und für spätere Beziehung zum „Vorbild“ werden. insbesondere zum Partner, aber auch zu eigenen Kindern. Die primäre Bindungsqualität erweist sich damit als transgenerativ.

Die durch sichere Bindung begründeten psychischen Strukturen tragen zu einer tiefverwurzelten psychischen Stabilität der Persönlichkeit bis ins Erwachsenenalter bei.

Feinfühligkeit: Betreuungsverhalten der Eltern und Bindungsqualität

Die kindgerechte Art der Zuwendung der Eltern zum Säugling und Kleinkind (u.a. bei der Betreuung, Pflege und Versorgung) ist ein „Feinfühliges Verhalten“. Es besteht darin, daß die Bezugsperson in der Lage ist, die Signale des Kindes wahrzunehmen (z.B. Jammern oder Weinen), richtig zu deuten (z.B. als Hunger oder Bedürfnisse nach Körperkontakt) und auch ausreichend angemessen und rechtzeitig auf sie zu reagieren (die Bedürfnisse prompt zu stillen).

Betreuungsverhalten der Eltern und Bindungsverhalten des Kindes sind im Idealfall gut aufeinander abgestimmt und entfalten sich wechselseitig. Das Kind lernt, daß eine Bedürfnisäußerung von den Eltern mit entsprechender Zuwendung beantwortet wird und geht bald davon aus, daß diese Bedürfnisbefriedigung sich verlässlich wiederholen wird. Wenn die betreuende Person ihrerseits erlebt, daß ihre Fürsorge das Kind beruhigt, wird sie damit in gleicher Qualität fortfahren. So entwickelt sich nach und nach durch Wiederholung positiver Interaktionen eine vertrauensvolle, sichere Bindung zwischen Eltern und Kind.

Es besteht also eine „unverzichtbare soziale Funktion der Eltern“ für das Kind (Bowlby 2008, 3). Die Bedeutung der elterlichen Fürsorge zeigt sich später in vielfältigen Aspekten. Sicher gebunden Kinder, die seitens ihrer Eltern viel Zuwendung und Aufmerksamkeit erhielten, sind bessere als andere in der Lage, affektive Stressmomente zu bewältigen. Sie lösen Probleme leichter, zeigen mehr Neugier, Erkundungsdrang und Spielfreude. Die gefühlvolle und uneingeschränkte Fürsorge der Eltern gibt ihnen das Gefühl, geliebt zu werden, der Liebe der Eltern wert und damit ein wertvoller Mensch zu sein. Dieses Selbstwertgefühl ermöglicht es ihnen, positive wie negative Situationen zu meistern.

Mutterentbehrung

Durch den Entzug der uneingeschränkten eindeutigen, konstanten liebevollen Zuwendung der (vorrangig mütterlichen) Zuwendung kommt es jedoch zu Störungen der Bindung. Die von Bowlby als „Mutterentbehrung“ bezeichnete Erfahrung ist für das Kind schmerzhaft und verstörend und kann langfristige Folgen für seine seelische Entwicklung und sein Bindungsverhalten haben.

Die Entbehrung kann gemildert werden, wenn sich eine oder mehrere Andere Personen stellvertretend für die Mutter des Kindes annehmen. „Ein wesentlicher  Unterschied zwischen tierischen und Primatenbindungen zur menschlichen Bindung besteht darin, daß Kinder nicht nur eine Bezugsperson als Bindungsperson auswählen können. (Auch bleibt das Gefühl der Verbundenheit ein Leben lang erhalten und löst sich nicht im Laufe der Entwicklung aus, wie dies bei vielen Tieren zu beobachten ist).“ (BSP, S. ...) Zwar besteht eine verinnerlichte Hierarchie der Bindungspersonen (von Bowlby als „Monotropie“ bezeichnet), doch können sekundäre Bezugspersonen Aufgaben der primären übernehmen („Ersatzmutter / -vater“).

Fehlt eine solche Person (generell oder temporär), die sich umfassend und liebevoll um das Kind kümmert, kommt es zu einer „totalen Deprivation“, einer völligen Entbehrung mütterlicher Zuwendung. Gravierende Benachteiligungen entstehen jedoch auch, wenn die Zuwendung von Seiten der primären Bindungsperson qualitativ beeinträchtigt ist. Wenn die Mutter ein zweideutiges Verhalten (aufgrund einer zwiespältigen inneren Einstellung zum Kind und ihrer Mutterschaft hat) zeigt, wenn sie das Kind für die Befriedigung unangemessener eigener Bedürfnisse missbraucht oder rigiden Erziehungsmethoden statt einem emphatischen Gefühl der Einfühlung in die Bedürfnisse des Kindes folgen.

Weiterlesen
  0 Kommentare
0 Kommentare

Die Bindungstheorie

„Der Mensch wird am Du zum Ich" – ist einer der bekanntesten Sätze des Religionsphilosophen Martin Buber. Nach den engsten Bezugspersonen der Kindheit – meist den Eltern – ist dieses „Du" für viele Erwachsene die Partnerin oder der Partner. 


„Keine menschliche Beziehung kommt der frühkindlichen Eltern-Kind-Beziehung so nahe wie die Ehe" schreibt Jürg Willi, (wobei „Ehe" hier als Synonym für eine feste Zweier-Beziehung steht). Und der US-amerikanische Therapeut David Schnarch sieht in der monogamen Zweier-Beziehung einen bedeutenden „Motor" der evolutionären menschlichen Entwicklung.

Entsprechend wird die Zufriedenheit in der Beziehung zum Partner von vielen Menschen als zentraler Faktor ihres Lebensgefühls empfunden und eingeschätzt. Bleiben hier die erhofften positiven Gefühle aus oder werden sie durch Konflikte von anderen, negativen Emotionen verdrängt und überlagert, gerät die Beziehung in eine Krise.

Konnten früher nur Familienangehörige, Freunde oder Geistliche als Berater ins Vertrauen gezogen werden, suchen Paare (oder auch einzelne Partner) heute mehr und mehr Hilfe bei Therapeuten und psychologisch geschulten Beratern. Seit dem Entstehen der systemischen Therapie, deren zentraler Gedanke die Untrennbarkeit des Einzelnen von den ihn in seinem „System" umgebenden anderen Menschen ist, gilt in der Praxis der Paarberatung ein Großteil der Aufmerksamkeit – neben der frühen Prägung seitens der Herkunftsfamilie – der gegenseitigen Beeinflussung der Partner in der Paarbeziehung.

Grundlegend für das Verständnis der zahlreichen Faktoren, die an der Entstehung einer Krise bzw. einer als durchgängig konflikthaft empfundenen Beziehung mitwirken, ist in den letzten zwei Jahrzehnten die 'Bindungstheorie' geworden, die hier im folgenden vorgestellt werden soll.

Weiterlesen
  0 Kommentare
0 Kommentare